For a while now I have been thinking about writing a blog post in German. When I write about social justice issues in English the focus automatically shifts to North America, even though there is so much to say about Europe, and Germany in particular. That’s why today’s post is going to be in German. I might translate it in the future or post a summary. 
​Worum soll es also in meinem ersten deutschsprachigen Beitrag gehen? Ich denke, es versteht sich fast von selbst, dass ich mich dem Themenbereich „Migration und Identität in Deutschland“ widme. Seit Jahrzehnten eines der Topthemen in den politischen Talkshows in Deutschland, aber letztendlich doch immer stiefmütterlich behandelt. Derzeit ist das Thema vor allem aufgrund der aktuellen Lage in der Türkei im Blickpunkt. Dazu wird in letzter Zeit gerne der neue Lieblingsschwiegersohn der Nation, Paul Ziemiak, eingeladen. Ich frage mich jedes Mal, was er denn nun wirklich über Türken oder Muslime in Deutschland sagen kann? Ein Pole, der es geschafft hat, Vorsitzender der Jungen Union zu werden. Das ist keineswegs selbstverständlich und wir wissen alle, wie hinter vorgehaltener Hand in Deutschland über Polen gesprochen wird. Ziemiaks Rolle in seiner Partei sowie in diversen Fernsehsendungen scheint es zu sein, vor dem Vorwurf der Ausländerfeindlichkeit zu schützen: „Der kommt doch selbst aus Polen, der kann nicht ausländerfeindlich sein.‟ Dabei betont Ziemiak wiederholt, dass ihm und seiner Familie aufgrund des katholischen Glaubens die Integration leichter gefallen sei als vielen Muslimen. 

„Migrationshintergrund“​ ist nicht immer vererbbar

Dass Minderheiten gegeneinander ausgespielt werden, ist kein neues oder gar deutsches Phänomen. Deutsch ist allerdings der Begriff „Migrationshintergrund‟. In Deutschland muss es für alles das richtige Wort geben. Politisch korrekt wie die Deutschen manchmal sind, wollten sie den Begriff „Ausländer“ nicht mehr verwenden, aber „richtig deutsch“ sind ja schließlich auch nicht alle, die in Deutschland leben. Da hat jemand auf kluge Art den deutschen Wortschatz um den „Migrationshintergrund“ erweitert. Mein Vater sagte dazu gerne: „Lieber Migrationshintergrund als gar kein Hintergrund.“

Ich habe nach einer offiziellen Definition des Begriffs „Migrationshintergrund“ gesucht. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge definiert Personen mit Migrationshintergrund wie folgt: Eine Person hat dann einen Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren ist. 20 % aller Deutschen sollen davon betroffen sein. Paul Ziemiak hat einen Migrationshintergrund, ich habe einen Migrationshintergrund, mein Bruder hat einen Migrationshintergrund, meine Schwester hat einen Migrationshintergrund. Mein Schwager hat einen Migrationshintergrund. Und jetzt die Frage: Hat mein Neffe einen Migrationshintergrund? Beide Eltern haben einen Migrationshintergrund, aber beide Eltern haben seit der Geburt die deutsche Staatsangehörigkeit. Was machen wir mit diesem Dilemma? Das heißt zwei Eltern mit Migrationshintergrund bekommen ein Kind ohne Migrationshintergrund (mit einem Namen, der eindeutig nicht deutsch ist). Migrationshintergrund ist also keine genetische Krankheit, die über Generationen hinweg vererbt wird. Nein, man kann geheilt werden! Mein Neffe ist durch und durch Deutscher. Er wird somit sicher keinerlei Diskriminierung aufgrund seiner Herkunft erfahren, denn er hat ja gar keinen Migrationshintergrund. Klasse! Bald sind wir alle Deutsche!

E.T. will nach Hause telefonieren

So in etwa funktionierte das ja in der Vergangenheit auch. Die Nachfahren der ca. 500.000 sogenannten Ruhrpolen tragen heute noch polnische Nachnamen, sprechen diese aber deutsch aus, waren noch nie in Polen und verstehen sich als Deutsche. Erschauerlicherweise unterstützen auch einige von ihnen Parteien wie die AfD oder die NPD. Ich bin natürlich froh, dass diese Leute sich nicht auch nach mehr als 100 Jahren noch beweisen müssen. Das Problem ist aber, dass diese Kultur des Vergessens der eigenen Herkunft fatal für gegenwärtige und kommende Einwanderer ist. Anstatt wahrzunehmen, dass Einwanderung seit Jahrhunderten auch zu Deutschland gehört, verstehen die Nachfahren ehemaliger Einwanderer sich nun selbst komplett als Deutsche, die sich durch die Einwanderer bedroht fühlen.
Damals verloren die Menschen auch schneller den Bezug zur Heimat. In Zeiten der Globalisierung und des Internets bleibt vieles erhalten. So lebt Dirk Nowitzki (Nowitzki – urdeutscher Nachname!) nun seit Jahrzehnten in den USA und beherrscht Deutsch so gut wie eh und je. Ich habe in Griechenland durch das Internet die Möglichkeit viele deutschsprachigen Sendungen zu verfolgen (und mir wiederholt Paul Ziemiak anzusehen), was noch vor 30 Jahren nicht möglich war.

Es ist toll, dass  es so einfach ist, die Verbindung zur Heimat zu bewahren, aber es macht auch das Erlernen der Sprache am neuen Wohnort schwieriger. Hier in Athen gibt es eine große ausländische Gemeinde, die kein Griechisch lernt, weil sie es im Berufsleben nicht benötigt, weil alle Griechen Englisch sprechen, weil es schwierig ist, einen Sprachkurs in eine 40-Stunden-Woche zu integrieren. 

Als mein Vater Ende der 1970er Jahre nach Deutschland kam, bat er bei der Ausländerbehörde darum, einen Deutschkurs besuchen zu dürfen. Der Beamte lachte ihm ins Gesicht und sagte ihm, er könne zur Baumschule gehen, um dort zu arbeiten. Selbst damals noch.

Lange Zeit lag es schlichtweg nicht im Interesse der deutschen Behörden, dass Ausländer Deutsch lernten. Dies im Nachhinein den Menschen vorzuwerfen, die Deutschland nach dem Krieg wieder aufbauten, ist unfair.

​Dieter Bohlen steht auf Migrationshintergrund

​Nun gut, die Nachfolgegenerationen können trotz aller gegenteiligen Behauptungen tatsächlich Deutsch, aber leider reichen perfekte Sprachkenntnisse und deutscher Pass nicht aus, um als deutsch zu gelten. Ein Makel bleibt immer bestehen. Name und Aussehen spielen weiterhin eine erhebliche Rolle bei der Fremdwahrnehmung und diese Fremdwahrnehmung bestimmt die Selbstwahrnehmung mit. Wir können nicht alle deutscher als „reinrassige“ Deutsche sein. Wir sind facettenreich, aber niemand möchte diese Facetten wahrnehmen und als Bereicherung für die deutsche Gesellschaft sehen. Klar, ein paar exotisierte und fetischisierte Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei „Deutschland sucht den Superstar“ gehen immer, aber das war‘s dann auch schon. Fatih Akın ist deutscher Regisseur, weil er erfolgreich ist. Wäre er kriminell, wäre er ein „Mann mit südländischem Aussehen.“ Wie sollen wir damit konkret umgehen? Was wird von uns erwartet, um diesem Zwiespalt zu entkommen? Wann sind wir als Kollektiv „deutsch“ genug, um als Individuen inklusive unserer kulturellen, religiösen, und phänotypischen Unterschiede „deutsch“ sein zu können?

Wir hatten in unserer Kindheit keine Identifikationsfiguren, die wir uns zum Vorbild nehmen konnten. Ich erinnere mich noch an die Zeiten mit nur drei Fernsehsendern (ja, das haben wir unbeschadet überstanden). Der Ungar Dénes Törzs war die einzige ausländische Person in der Öffentlichkeit, die mir als Kind aufgefallen ist. Später gab es dann bei RTL viele Niederländerinnen und Niederländer mit Akzent zu sehen und dann kam Viva und war total multikulti. Das war natürlich aufregend und reichte mir als Teenie auch noch. Später fragte ich mich aber, wieso nur die Positionen, die rein auf Unterhaltung fokussiert waren, von Menschen mit ausländischen Wurzeln besetzt wurden. Sollte es etwa Parallelen zu den USA geben, wo die schwarze Bevölkerung gerne in Sport, Musik und Film aktiv sein darf und damit die Mehrheitsgesellschaft amüsiert, aber bloß nicht tatsächliche Gleichwertigkeit einfordern soll?

Die Töchter von Ausländerinnen und Ausländern wurden Arzthelferinnen, Friseurinnen, Kassiererinnen. Die Söhne wurden irgendwie gar nichts und tauchten in der Öffentlichkeit noch weniger auf. (Wir müssen uns auch ganz klar mit dem Bildungsunterschied zwischen jungen Männern und Frauen und der daraus entstehenden Perspektivlosigkeit junger Männer mit Migrationshintergrund auseinandersetzen.) 

„​Können deine Kinder eigentlich Deutsch? (Frage an meinen Vater)

​Diskriminierende Sprüche in der Schulzeit habe ich meist noch beiseite gewischt und mir selbst gesagt, dass ich in einer mittelgroßen schleswig-holsteinischen Stadt nichts anderes erwarten könne. Ich habe das auch nie thematisiert, da ich mir nicht vorstellen konnte, dass meine deutsche Mutter diese Dinge nachempfinden könnte, und da mein Vater dachte, dass seine in Deutschland geborenen Kinder schließlich Deutsche seien. Sowieso sei es doch viel besser in Deutschland und wir könnten uns nicht beschweren. In Bulgarien wären wir als Türken schließlich ethnischen Säuberungen ausgesetzt gewesen. Allein das war doch Grund genug, Deutschland in den Himmel zu loben. Für ein junges Mädchen jedoch, welches in Deutschland mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde,  reichte das nicht. Ich erwartete von meinem Land mehr als nur die Abwesenheit von ethnischen Säuberungen.

Ich werde hier nicht aufzählen, was ich oder meine Geschwister uns in der Schule unter anderem auch von Lehrern oder Eltern anhören durften. Man darf sich jedoch ausmalen, dass wenn wir als in Deutschland geborene deutsche Staatsangehörige mit deutscher Mutter Diskriminierung erfahren haben, es für diejenigen mit keinem einzigen deutschen Elternteil weitaus schlimmer ist.

Auch an der Uni gab es Professoren, die sich erstaunt darüber zeigten, dass ich „kaum (!!!)“ einen Akzent hätte, und Bewerbungsgespräche wurden zu Verhören darüber wie wohl ich mich in Deutschland und mit der deutschen Sprache fühle (Letzteres lässt sich anhand dieses Beitrags sicher beurteilen). Verwirrend dabei ist, dass dies immer als Kompliment gemeint war: „Woher kommt denn der Nachname? – Aus Bulgarien. – Ach, dafür hört man ja kaum einen Akzent bei Ihnen.“
Kürzlich unterhielt ich mich mit einer als Kind aus Russland eingewanderten deutschen Doktorandin, die permanent Komplimente dafür bekommt, dass sie es „für ihren Hintergrund“ ja weit gebracht hätte.
Ist etwa so wie die schmierigen Anmachen beim Weggehen: „Du kannst voll gut tanzen, woher kommst du denn? Bist du Brasilianerin?“ Das stört nicht jeden. Es gibt Leute, die können das als blöde Bemerkungen Einzelner abhaken, ohne dass ihnen das die Laune verdirbt oder sie gleich ihre Identität infrage stellen. Andere sind jedoch sensibler und sehen diese Kommentare als beispielhaft dafür an, dass wir eben nicht akzeptiert werden.

​Go West! Go East! Just Go!

Aktuell gibt es eine große Anzahl an jungen Menschen mit Migrationshintergrund, die sich in Deutschland nicht zuhause fühlt. Dies liegt daran, dass unsere Identität permanent infrage gestellt wird, wir uns regelmäßig positionieren müssen, und es nicht akzeptiert wird, dass jemand auch „mit Migrationshintergrund“ zu Deutschland gehören kann.
Das ist ermüdend.  
Viele Menschen mit  Universitätsabschluss haben Schwierigkeiten einen Job zu finden und versuchen lieber einen Neuanfang im Ausland. In Griechenland weiß ich, dass ich Ausländerin bin, es verletzt mich hier nicht. Von Deutschland, wo ich geboren, aufgewachsen, und zur Schule gegangen bin, erwarte ich mehr. Wenn Deutschland das nicht bieten kann, gehen diejenigen, die gut ausgebildet sind, ins Ausland, und diejenigen mit weniger Perspektiven gehen für Erdoğan auf die Straße.

Zurück zur Sprache, und warum ich auf Deutsch schreiben wollte. Aus dem Gespräch mit oben genannter Doktorandin stammt auch folgende Feststellung: In der deutschen Sprache wird „integrieren“ plötzlich zu einem reflexiven Verb. Wir müssen uns integrieren, anstatt dass die Mehrheitsgesellschaft uns integriert. Im Englischen gibt es keine reflexive Form dieses Verbs. Die Politik und die Mehrheitsgesellschaft in Deutschland können die eigene Verantwortung nicht akzeptieren, sondern werden weiterhin davon ausgehen, dass die Aufgabe der Integration ausschließlich bei den Zugewanderten liegt. So werden wir in Diskussionsrunden weiter gelungene Beispiele der Selbstintegration à la Paul Ziemiak sehen, der uns Anderen zeigen kann, wie es gemacht wird.
Schwarze, muslimische, türkische Deutsche werden ihre Identität wie einen Makel weiter durch das Land tragen müssen. Deutsche werden wir, ob mit oder ohne Pass, ob mit oder ohne offiziellen Migrationshintergrund, weiterhin nur eingeschränkt sein.

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